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Blog / Carmen Streißnig-Fink „Panta Rhei“: Spalier

 

Spalier

Bald würde sie durch das Spalier gehen. Ihre Frisur saß perfekt, auch das Kleid. Auf einen Schleier hatte sie verzichtet, stattdessen trug sie ein Blumendiadem im Haar, passend zu ihrem Brautstrauß.

Das Blumenmädchen zappelte, die Streicher setzten ein, die Sängerin nahm Aufstellung. Ein kurzes Vorspiel, dann würde sie zu singen beginnen, und bei der richtigen Textpassage sollte sie losschreiten. Majestätisch. Hörst du Kind? Majestätisch und leichtfüßig, wie eine Prinzessin. Sie weiß nicht mehr, wie oft sie diese Worte ihrer Mutter gehört hatte. Wie konnte man gleichzeitig majestätisch und leichtfüßig sein? Das noch dazu mit einem inzwischen imaginären, zuvor allerdings realen Buch auf dem Kopf. Du musst schweben, grazil, und lächeln, lächeln, lächeln mein Kind. Das mit dem Lächeln fiel ihr nicht schwer, auch wenn ihre Schuhe drückten. Aber schließlich wartete da vorne der Mann ihres Lebens. Aber schweben? Nicht einmal Jesus schwebte übers Wasser. Er ging.

Es war ein langes Spalier, alle hatten sich sorgfältig in die Reihe gestellt. Auf der einen Seite die Angehörigen der Braut, auf der anderen die des Bräutigams hallte es durch ihre Gehirnwindungen. Die Stimme ihrer Mutter war durchdringend. Ihr war egal, wie sie standen. Wir sind doch sowieso alle eine Familie! Das war jedoch nur ihre eigene Meinung. Tradition ist Tradition, Kind!!! hallte es wieder. Spätestens hier war ihr klar geworden, dass dieser Weg durch das Spalier kein leichter sein würde. Fast war sie versucht, sich Xavier Nadioo mit genau diesem Lied für den Einzug zu wünschen. Aber nur fast.

Es hatte keinen Sinn zu streiten. Die Tatsache, dass sie auf das Kleid ihrer Uroma verzichtet hatte und dann noch dazu ohne Schleier vor den Altar treten wollte, machte ihr schon so genug zu schaffen. Eigentlich hätte sie auch gerne auf das Spalier verzichtet. Aber als sie diese Idee aufs Tapet gebracht hatte, bekam ihre Mutter einen ihrer Schwächeanfälle. Da hatte sie sich umentschieden. Das Herz ihrer Mutter war ihr wichtiger.

Plötzlich zupfte jemand an ihrem Kleid. „Ich muss „lulu“, ganz dringend!“ jammerte das Blumenmädchen. Mensch Sophie, ausgerechnet jetzt. Bald würde die Textpassage kommen. Ihre Schwester stand weit vorne im Spalier. Da muss sich dann wohl doch die Tante um Sophies Blase kümmern. Der Pfarrhof ist nicht weit entfernt und ohne sie konnten sie sowieso nicht anfangen. Ihr Stichwort entschlüpfte gerade dem Mund der Sängerin als sie majestätisch lächelnd und leichtfußgrazil schwebend losschritt, allerdings in die falsche Richtung.

Die Streicher spielten, die Sängerin sang, der Bräutigam wartete, der Pfarrer murmelte.

Der Urli war‘s egal. Sie hatte ihre Gehhilfe dabei, auf die sie sich setzen konnte, sie hatte schon so lange gelebt und so vieles erlebt. Natürlich stand sie auf der richtigen Seite, schon aus Rücksicht auf die Brautmutter, deren Frisur auch perfekt saß. Leider sitzen die Gesichtszüge nicht so perfekt. Bei diesem Gedanken musste Urli kurz schmunzeln. Wenigstens hat sich das Kind bei der Wahl des Kleides durchgesetzt. Das Urli-Brautkleid hätte sie erdrückt. Außerdem war es total aus der Mode. Damals schritt sie höchst traditionell durch das Spalier und ihre Schleppe reichte von hier bis zum Mond. Natürlich stand jeder auf der richtigen Seite. Sie fand das damals schon lächerlich, heute noch mehr.

Urli grinste, der Pfarrer räusperte sich, der Bräutigam wurde nervös, die Streicher wirkten etwas verwirrt, die Sängerin sang die letzte Strophe samt Refrain zum dritten Mal, das Spalier begann sich langsam aufzulösen, die Brautmutter atmete schwer.

Die Sache mit dem „Lulu-Gehen“ erwies sich als schwierig. Der Pfarrhof war zu. Die Wiese hinter den Büschen tat‘s zwar auch, nur leider hat sich Sophie dabei auf die Schuhe „lulut“.

Der Tobsuchtsanfall des Mädchens ging langsam in ein weinerliches Wimmern über und ihre eigenen Schuhe drückten in der Hitze des Tages noch mehr. Am liebsten hätte sie ihre Sneakers jetzt schon angezogen, nicht erst nach der Trauung. Auf ihre Schuhe blickend schluchzte Sophie: „Die sind hinüber!“ „Meine auch bald!“, antwortete die Braut. Die Bleistiftabsätze hatten sich gänzlich in die Erde gebohrt.

Nach der zehnten Wiederholung der letzten Strophe samt Refrain zeigte die Sängerin leichte Ermüdungserscheinungen, die Streicher rutschen auf ihren Sesseln hin und her, der Pfarrer rief nach dem Mesner, der Bräutigam schwitzte, das Spalier wurde zu einem marktplatzartigen Gemurmel mit Marktschreitendenz, Urli lachte und die Brautmutter bekam einen Schwächeanfall. Der Mesner reichte ihr gerade ein Glas Wasser als die Kirchentür aufgetreten wurde und Paar Sneakers zum Vorschein kamen.

Der Hochzeitsgesellschaft schien es fast so, als sänge jemand … dieser Weg, wird kein leichter sein, dieser Weg ist steinig und schwer. Nicht mit vielen wirst du dir einig sein, doch dieses Leben bietet so viel mehr …

Der Mesner fächerte der Brautmutter Luft zu, der Pfarrer nahm Aufstellung, die Sängerin sang zum 24. Mal die letzte Strophe und den Refrain, der Bräutigam strahlte, das Spalier formierte sich, die Brautmutter hyperventilierte in eine Papiertüte, Urli bekam einen Lachkrampf und die Braut ging wie eine Prinzessin mit Sneakers und dem barfüßigen Blumenmädchen im Arm auf ein Leben zu, das ihr so viel mehr zu bieten hatte.
©Carmen Streißnig-Fink


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