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Gehört werden oder Warum eine Telefonzelle beim Trauern hilft

Gehört werden oder Warum eine Telefonzelle beim Trauern hilftMontag, 31. Mai 2021

Liebe Leserinnen und Leser, heute gibt die Fohnsdorfer Poesiepädagogin Birgit Krenn hier auf murtalinfo eine Buchempfehlung: „Die Telefonzelle am Ende der Welt“

Gehört werden oder Warum eine Telefonzelle beim Trauern hilft

Als ich schwanger war, war ich die erste und einzige Frau, die je das Glück hatte, einen kleinen Menschen in sich heranwachsen zu spüren – ungeachtet des Offensichtlichen. In irgendeiner Form erleben wir alle früher oder später die großen Gefühlszustände, die uns zutiefst erschüttern und uns in eine Welt entlassen, in der nichts mehr so ist, wie es vorher war. Manchmal dürfen wir zutiefst bereichert weitergehen und manchmal bleiben wir mit einer Leere zurück, die niemand mehr ausfüllen kann. Und auch wenn es jeden von uns betrifft, so bleibt es immer eine zutiefst persönliche Erfahrung.

Wir lieben unterschiedlich und wir trauern unterschiedlich. Welche Art die richtige ist, was hilft und was nicht, muss jede(r) für sich selbst herausfinden, aber für den Weg dahin darf man sich Wegbegleiter wählen.  

Wie tröstlich es ist, in seiner Trauer ganz bei sich zu bleiben und sie dennoch zu teilen, verstanden zu werden, gehört zu werden, darum geht es in dem Buch  „Die Telefonzelle am Ende der Welt“ von Laura Imai Messina. Mit japanischem Minimalismus, in einer klaren, einfachen Sprache, erzählt es von Menschen, die mit ihrer Trauer weiterleben. Dabei orientiert sich der Roman am realen Ereignis des großen Tsunamis von 2011 im Nordosten Japans. Die im Titel des Romans erwähnte Telefonzelle, „das Telefon des Windes“, gibt es wirklich. Sie steht in einem Garten in der Ortschaft Otsuchi, mit Blick auf das Meer. Ein Telefon, das nicht an das Telefonnetz angeschlossen ist und doch dafür sorgt, dass die Menschen mit denen, die sie lieben, in Verbindung bleiben. 

Längst hat es sich herumgesprochen und Trauernde kommen von überall her, um das zu sagen, was sie nicht mehr sagen können oder um sich zu verabschieden, wo es nicht möglich war. Indem sie in diesem kleinen überschaubaren Raum zu einem Hörer greifen und in der Stille des Windes ihre eigene Stimme finden und noch etwas mehr, von dem nur sie berichten können.

Für mich war es von Anfang an das Verbindende, das mich am Buch angezogen hat. Es gibt keine Hierarchie des Verlustes. Ob durch Tod, Krankheit, eine Sucht, einen Umzug, eine Entfremdung. Die Frage, wer mehr trauert und welche Trauer tiefer geht, stellt sich nicht.

In Zeiten der extremen Belastung, wenn der Gedanke an ein künftiges Morgen mehr ist, als man leisten kann, dann sind es die kleinen, ganz alltäglichen Dinge und Begegnungen, an denen man sich durch den Tag hantelt. Schritt für Schritt. Minute für Minute. Auch das zeigt der Roman, tröstlich, sanft und liebevoll. Ein Buch, das hereinholt, wie eine große weiche Umarmung. Ein Buch, das betrachtet und die Dinge nimmt, wie sie sind.

Irgendwie hilft das Reden dabei, im eigenen Schmerz, in der eigenen Trauer anzukommen. Es gibt einen Ort dafür, einen Ort der Begegnung, den man auch wieder verlassen und zu dem man zurückkehren kann, wann immer man es für notwendig hält. Man muss nicht bis nach Japan reisen. Diesen Ort der Trauer kann man sich auch selber schaffen; reden, es laut sagen, tut gut. In meinen Kursen habe ich es oft erlebt, bei meinen Teilnehmenden und bei mir selbst: Schreiben ist gut, schreiben hilft; aber etwas laut zu sagen, für sich selbst und für den, der gemeint ist, geht noch einen Schritt weiter.

Das Bedürfnis gehört zu werden ist zutiefst menschlich; sich jemandem mitzuteilen, selbst wenn er gar nicht oder nicht mehr existiert, ist mit ein Grund dafür, dass wir ein Tagebuch führen, Briefe, Gedichte schreiben. („Das musst Du jetzt nicht verstehen, aber genau so fühlt es sich für mich an …“) Damit wir einen Zeugen haben für uns und unser Leben, für das, was uns ausmacht, in den dunkelsten Stunden und im höchsten Glück und all dem, was dazwischen liegt.

 

Birgit Krenn unterstützt und motiviert Schreibfreudige mit ihrem Unternehmen  „Erlebnis Sprache“. Seit 2008 gibt sie Kurse für Kreatives Schreiben und individuelles Schreibcoaching im Oberen Murtal und in Graz, aktuell auch online. 

Kontakt: birgit.krenn@erlebnissprache.at oder www.erlebnissprache.at


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